Pornografie und Jugend – Jugend und Pornografie (Prof. Dr. habil. Kurt Starke )

[ Autor von diesem Artikel: Leonard Forneus ] [ Verfasst am 20 September 2012 ]

Zwischenbetrachtung zur folgenschweren Pornografie

Alles, was ein Mensch tut, jedes Geschehen in der Gesellschaft hat Folgen. Es gibt nichts
Folgenloses. Das trifft auch auf Produkte sexuellen Inhalts zu, seien sie nun Pornografie oder nicht. Welche Folgen das sind, kann nicht vorausgesagt werden, nicht für einen Menschen und nicht für alle. Dazu sind die Umstände, unter denen etwas passiert, viel zu komplex, und dazu sind auch die Wirkungszusammenhänge zu verschieden. Vor allem sind die Menschen verschieden. Sie verarbeiten Geschehnisse in höchst unterschiedlicher Weise und je nach aktueller und genereller Lebenssituation. Kausalmechanistische Wirkungsmodelle sind untauglich. Das ist bei Medienprodukten wie Pornografie nicht anders. „Medienvermittelte Botschaften werden immer auf biografisch bereits vorhandene, ‚prä- oder paramedial’ angeeignete Skripte stoßen.“ (Weller 2010a: 56)

Die Generalverdächtigung „Pornografie“ verschließt sich einfachen Zusammenhängen und
Differenzierungen. Apfelessen gilt allgemein als gesund. Aber jeder weiß, dass ein fauler
Apfel oder ein Apfel bei Durchfall davon ausgenommen sind, gespritzte Äpfel nicht
unproblematisch betrachtet werden, Schneewittchen mit einem Apfel vergiftet wurde und
Adam einen Apfel vom Baum der Erkenntnis aß. Genauso wird nicht geleugnet, dass es
schmackhafte und weniger schmackhafte, große und kleine, glatte und verschrumpelte, rote und grüne, inländische und ausländische Äpfel sowie Apfelmus, Apfelsaft, Apfelkuchen,
Apfelkompott gibt. Mutatis mutandis gilt dies auch für Pornografie. Skifahren ist beliebt, aber gefährlich. Angesichts der vielen Skiunfälle, die alljährlich zu verzeichnen sind, müssten Skier indiziert werden. Aber darauf kommt keiner, vor allem weil Skifahren nicht oder im Wesentlichen nicht als Sex eingestuft wird. Das Risiko Skifahren trägt jeder selber, und er kann allenfalls so beraten und unterstützt und trainiert werden, dass das Risiko minimiert wird.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie Pornografie aus einem differenzierten und logischen
Denken herausgenommen wird. Das muss Gründe haben.

(1) Der Hauptgrund ist das Sexuelle. Letztlich geht es bei allen Warnungen, Verteilungen,
Verfolgungen und Verboten nicht um Pornografie, sondern um Sexualität, insbesondere um
Jugendsexualität. Bewusst oder unbewusst im traditionellen Sexualverständnis befangen,
werden sexuelle Aktivitäten Jugendlicher als suspekt, als ungut, als intolerabel bewertet,
etwas, vor dem die Heranwachsenden bewahrt und geschützt werden müssen, bis sie denn
durch die Ehe einigermaßen legitimiert werden. Letzteres kann heute offiziell nicht mehr als
Argument vorgebracht werden, das wäre zu realitätsfern, aber es ist latent, und gelegentlich
dringt es in Botschaften wie „No sex before marriage“ und „Wahre Liebe kann warten“ wie
eine Fontäne ans Tageslicht.

(2) Ein anderer wesentlicher Grund ist Machtdenken und Reglementierungsneigung.
Erwachsene, Institutionen, Regierungen fühlen sich berufen, über Jugend zu bestimmen, ihr das Mitspracherecht zu nehmen und ihr das Menschenrecht auf freie Entscheidung in Sachen Sexualität zu nehmen. Erwachsene sind wahlberechtigt, Jugendliche nicht. Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung wird verletzt. Der einfache Grundsatz, dass Jugendliche frei über ihre Sexualität entscheiden wollen, können und müssen, wird außer Kraft gesetzt. Beschränkungen der persönlichen Freiheit und Eingriffe in die Privatsphäre werden in Bezug auf Pornografie als legitim betrachtet.

(3) Ein dritter, eher verdeckter Grund ist die Neigung zu Zensur. Der Pornografievorwurf ist
„fast immer ein Totschlagargument, eine Technik des Kommunikationsabbruchs und eine
Waffe der politischen Zensur“ (Amendt 1990: 25). In unserer Demokratie gibt es offiziell
keine Zensur (Artikel 5 des Grundgesetzes: „Eine Zensur findet nicht statt.“). Aber politische Verfahren und Maßnahmen zur Kontrolle von Medieninhalten und Medienzugängen wie Sperrverfügungen, Zwangskennzeichnungen, Indizierungen gibt es schon oder werden angestrebt. Pornografie im Internet und mit jugendschützerischen Argumenten ist dabei das präferierte Versuchsfeld, weil aufgrund der allgemeinen Negativbewertung von Pornografie und des hohen Gutes Jugend am ehesten Zustimmung in der Bevölkerung zu erwarten ist. Bemühungen um eine kontrollierende Infrastruktur sind vorhanden (ak-zenzur.de 2010).

(4) Ein vierter Grund ist die weltanschauliche Befangenheit. Im privaten Zusammenleben der Menschen ist das kein Problem, sofern nicht politisch eins daraus gemacht wird. Sobald aber Ideologien einen Alleinvertretungsanspruch haben und missionarisch werden – und das ist den meisten von ihnen immanent – und sobald sie Machtgrundlage und Legislative werden, kommt es zu Menschenrechtsverletzungen. Wenn also in unserem Falle das Pornografische (eigentlich das Sexuelle) aus weltanschaulichen Gründen abgelehnt wird und eine ideologisch basierte Sexualmoral zum rechtlichen Maßstab geriert, wird ein Grundwert der demokratisch verfassten Gesellschaft und Prinzip ihrer Rechtsprechung, nämlich die weltanschauliche Neutralität, beiseite geschoben. Der Leipziger Rechtswissenschaftler Heribert Schumann macht darauf aufmerksam, dass die Pornografieparagrafen §§ 184 ff StGB „gegen das Gebot weltanschaulicher Neutralität des Staates“ verstoßen. „Aus diesem Gebot folgt, dass der Staat sich nicht mit einer bestimmten Weltanschauung identifizieren oder für sie Partei ergreifen und daher auch sein Recht keiner weltanschaulichen Vorstellung verpflichtet sein darf.“ (Schumann 2005: 14). Dies gelte auch für das Recht des Jugendschutzes, „das folglich nicht zwischen zwei sexualethischen Vorstellungen differenzieren und die Verbreitung der einen unter Jugendlichen nicht – zum Vorteil anderer – unterbinden darf“ (Schumann 2005: 14-15). Die Rechtsprechung folge einer bestimmten Sexualmoral, „nämlich der ‚christlichabendländischen’ Weltanschauung […], nach der Sexualität in persönliche, menschliche Beziehung integriert sein muss und es zu missbilligen ist, wenn sexueller Lustgewinn um seiner selbst willen gesucht wird“. Eine Sexualethik, die eben dies zulasse, werde „von Staatswegen als schwer jugendgefährdend verurteilt“ (Schumann 2005: 14). Schumann hat dabei besonders die Definition des Bundesverwaltungsgerichts von 2002 im Blick, wonach Darstellungen dann pornografisch sind, „wenn unter Hintansetzung sonstiger menschlicher Bezüge sexuelle Vorgänge in grob aufdringlicher, anreißerischer Weise in den Vordergrund rücken und ausschließlich oder überwiegend auf die Erregung sexueller Reize abzielen“ (Schumann o.J.: 38). Ähnlich wird in den „Kriterien für die Aufsicht in Rundfunk und Telemedien“ betont, dass „inhaltlich die Verabsolutierung sexuellen Lustgewinns“ wesentlich sei (Weigand 2009: 3). Selbst wenn man einer bestimmten Sexualmoral, in diesem Falle der konservativ-christlichen, anhängt und damit einverstanden ist, dass sie Recht wird und zu Verfolgungen führt, kann das in einer demokratischen Grundordnung nicht dazu führen, über Andersdenkende und Andersfühlende zu bestimmen.

(5) Es gibt noch einen fünften Grund, einen, der auf der individuellen Ebene liegt. Menschen, die in Bezug auf Sexualität überstreng erzogen wurden, die keine positive Haltung zu Liebe, Sexualität, Leidenschaft und Lust entwickeln konnten und verklemmt sind, die ein fragiles bis gestörtes Verhältnis zur Sexualität haben, neigen dazu, ihre eigene Sexualität zu zensieren und jeder sexuelle Regung misstrauisch zu begegnen. Die Angst vor sich selber, die Furcht vor eigenen, vielleicht auch „unnormalen“ oder unsteuerbaren sexuellen Anwandlungen und vor Wollust wird in Groll auf alles umgewandelt, was mit Sexualität zu tun hat. Pornografie als das anerkannt Böse ist dafür hervorragend geeignet. Punitivität, Verdammungsneigung und Denunziationen sind dann eine Form von Bewältigung eigener Konflikte. Es nimmt nicht wunder, dass Jugendliche, die frei und „aufgeklärt“ aufwachsen und einen grundsätzlich positiven Begriff von Sexualität erwerben, auch eine größere Souveränität in Bezug auf Pornografie entwickeln. Das bedeutet keineswegs, dass sie alles, was Pornografie enthält über Bausch und Bogen gut finden. Das bedeutet auch nicht Unfähigkeit zu differenziertem Urteil.
Das ganze Gegenteil ist der Fall. Was die wirklich Prüden betrifft, so haben sie ein Problem – oder in der Selbsteinschätzung keins: Zwischen Prüderie und Pornografie hat kein Drittes Platz. Sie gehören als widersprüchliche Einheit zusammen: Die unsexuelle Sauberkeit und der „unsaubere“ Sex.

Fazit: Um dem Phänomen „Pornografie“ gerecht zu werden, genügt nicht der Blick auf die
Pornografie selber. Der gesamte Kontext, der sachliche und unsachliche, ist einzubeziehen.
Die größeren Zusammenhänge sind zu beachten. Vor allem verdienen alle diejenigen
Zuwendung, die mit Pornografie konfrontiert werden oder sich mit Pornografie konfrontiert
sehen oder sich der Pornografie zu- oder von ihr abwenden: die Nutzer und Nichtnutzer, nicht zuletzt die Bewerter und deren Motive und Wertsysteme.

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