GiGi Nr. 42 – Sexualforschung als Hure der Politik

[ Autor von diesem Artikel: Leonard Forneus ] [ Verfasst am 01 Januar 2013 ]

In der 42. Ausgabe des sexualpolitischen Magazins GiGi geht es im Schwerpunktthema um eine Zustandsbeschreibung der Sexualwissenschaft in der BRD unter dem Titel; Ein Gespenst geht um in Deutschland – Sexualwissenschaft das Huibuh einer Untoten. Unter anderem geht es auch um das pseudowissenschaftle politische Propgandaprojekt der Berliner Charite. Dieses “Forschungsprojekt Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld” wird als das entlarvt was es tatsächlich ist – übelste Propaganda der reinen Rassenlehre. Der nachfolgendeArtikel ist geringfügig gekürzt

Sexualforschung als Hure der Politik

Am 1. Juni 2005, dem internationalen Kindertag präsentierte die Volkswagenstiftung in der Bundespressekonferenz das von ihr finanzierte und von Professor Klaus M. Beier geleitete Forschungsprojekt “Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld” des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Berliner Charite. Besitze doch ein Teil der potentiellen Täter”, die “auf Kinder gerichtete sexuelle Phantasien bekunden”, “ein Problembewusßtsein und wünschen therapeuthische Hilfe”. Sie zu finden, wurden in einer aufwendigen Kampagne TV-Spots gesendet, großflächige Plakate gekelbt und Inserate geschaltet. Was dies über die wissenschaftliche Seriosität und Unabhängigkeit des Projekts aussagt, erläutert Sebastian Anders

Rein wissenschaftliche Forschung gedeiht zumeist im stillen, von der Öfentlichkeitweitgehend unbeachtet. Besonders Wissenschaftler, die in gesellschaftspolitsch sensiblen Bereichen forschen, wissen aus guter Erfahrung die Öffentlichkeit bei ihren Untersuchungen zu meiden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass ihre auf Erkenntnisgewinn gerichtete Forschung politisch instrumentalisiert oder torpediert wird. So werden Forschungsprojekte eher selten einer großen Öffentlichkeit präsentiert und in der Regel nur deren Ergebnisse nach Projektabschluss.
Das Forschungsprojekt “Prävention von sexuellem Missbrauch” im Dunkelfeld des Berliner Universitätsklinkums Charite (…) beschritt einen anderen Weg. Noch vor Beginn der Forschung über Therapiekonzepte für nicht straffällig gewordene Pädophile – sie werden mit dem kriminologischen Begriff “Dunkelfeld” belegt – erregte das Projekt bundesweites Aufsehen. Das mediale Getöse wurde von den Forschern durch eine Medienkampagne selbst losgetreten. Ganz politisch wurde das Projekt schon vor seinem Beginn der Forschung mit dem “Politik-Award 2005” ausgezeichnet. Der Preis “ehrt herausragende Kampagnen und die erfolgreichsten Akteure zukunftsweisender politischer Kommunikation”. Allein diese Auszeichnung disqualifiziert das Projekt als wissenschaftliches Vorhaben. Politisch aufgestellt ist auch der für die öffentliche Vertretung zuständige sechsköpfige Beirats des Projekts. In ihm finden sich mit Barbara Schäfer-Wiegand als ehemalige Sozialministerin Baden-Württembergs und Siegfried Kauder zwei Politiker des rechten CDU-Spektrums. Beihilfe leistet ferner die Stiftung “Hänsel + Gretel”. Neben Erwin Teufel – ebenfalls rechter CDU-Flügel und bis 2005 badenwürttembergischer Regierungschef – findet sich auch Adolf Gallwitz in der Organisation, der seit Jahren in unerträglicher Weise gegen Pädophile hetzt und als einer der Drahtzieher der Hexenjagd gegen Pädophile gilt. In lustigen Taschenbüchern wie “Kinderfreunde-Kindermörder” und “Die Kinder-Sex-Mafia in Deutschland” behauptet er geheime pädophile Zirkel, mafiöse Strukturen und massenhaft frei herumlaufende Kindermörder, die natürlich alle pädophil sind. Seine Sprache ist die Entmenschlichung von Pädophilen, die er mit animalischen Merkmalen wie “jagen” und “auflauern” attributiert und denen er die permanente Jagd nach “Frischfleisch” unterstellt.

Propaganda aus der Charite

Die Vermengung von Politik und Wissenschaft in besagtem Projekt der Charite läßt kaum erwarten, dass wissenschaftliche, also ergebnisoffene Forschung betrieben wird. Wenig wissenschaftlich äußert Beier sich schon zu Beginn der Untersuchungen. Auffällig oft betont er, dass “laut polizeilicher Krminalstatistik […] in Deutschland jährlich 20.000 Kinder Opfer sexueller Übergriffe werden. Warum er dies so betonen muss, offenbart ein Blick in eben jne polizeiliche Kriminalstatistik. Dieser erfasst lediglich angezeigte, , vollendete sowie versuchte, nicht jedoch begangene und verurteilte Straftaten. Von den etwa 15.000 bundesweit angezeigten Fällen sexuellen Missbrauchs und versuchten sexuellen Missbrauchs von Kindern pro Jahr verbleiben lediglich etwa 2400 Verurteilungen im Bundesgebiet. Beier hingegen lässt bei sexuellem Kindesmissbrauch die rechtstaatliche Unschuldsvermutung nicht gelten und setzt kurzerhand begangene mit versuchten Taten gleich. Dies ist nicht die einzige verzerrte Wiedergabe des Problemfelds. Sexuelle Übergriffe gegen Kinder werden am ehesten mit dem Paragraphen 177 StGB (sexuelle Nötigung; Vergewaltigung) mit etwa 1400 Anzeigen pro Jahr erfasst. Beiers hohe Fallzahlen entstammen jedoch dem Paragraphen 176 StGB (Sexueller Missbrauch von Kindern; vor 1973 “Unzucht mit Kindern”). Dieser pönalisiert nicht sexuelle Gewalt gegen kinder, sondern will die “ungestörte sexuelle Entwicklung von kindern” durch “vorzeitige sexuelle Erlebnisse” schützen. Der Gesetzgeber geht also davon aus , dass sexuelle Erlebnisse an sich für Kinder (Personen unter 14 Jahren) traumatisch sein können und das eine potentielle Gefährdung des Kindes gegeben sei. Gewalt oder Nötigung muss für Anzeigen nach §176 StGB nicht vorliegen. Er kriminalisiert unterschiedslos jegliche Sexualität im zusammenhang mit Kindern, angefangen bei Vorzeige- und Doktorspielen über Masturbation bis zum einverständlichen auch unter Kindern sowie zwischen Kindern und jugendlichen. Genau an dieser Stelle verschweigt Beier die Kriminalstatistik. 6,2 Prozent der ermittelten Tatverdächtigen sind Kinder und 15,2 Prozent sind Jugendliche. Der Gesamtanteil der ermittelten Tatverdächtigen unter 21 Jahren beträgt 27,7 Prozent. Dass hier der Gesetzgeber in eklatanter Weise in das sexuelle Selbstbestimmungsrecht von Kindern und Jugendlichen eingreift thematisiert Beier nicht, sondern sucht im Gegenteil diesen Eingriff zu rechtfertigen, indem er die darunter erfassten einverständlichen Handlungen als sexuelle Übergriffe deklariert.

Die Pest kehrt zurück

Zu den Unterstützern des Projekts gehört wie erwähnt, die Stiftung “Hänsel + Gretel”. Bei dem phantasievollen Namen drängt sich einem Grimms Märchen, der im dunklen Wald Kinder verführenden und Kinder fressenden Hexe geradezu auf. Wie ein Märchen liest sich auch die Pressemitteilung der Stiftung zum Charité-Projekt: “300.000 Fälle von sexuellem Kindesmißbrauch in Deutschland sind durchaus eine realistische Annahme”. Diese Zahl wurde bereits vor zwanzig Jahren als nachweislich falsch entlarvt. (…) was jedoch die Stiftung nicht hindert, sie weiter zu behaupten und Journalisten nicht, sie abzuschreiben. Weiter heißt es: “Was damals die Pest als Geißel jener Zeit war, ist heute vielleicht der Bereich des sexuellen Kindesmißbrauchs.” Die Deklaration zur “Seuche”, zum “schwarzen Tod”, lässt erkennen, wie sehr Hänsel + Gretel die Bedrohungsszenarien von der sittlichen Gefährdung des unschuldigen, reinen Kindes verinnerlicht hat. Spätestens an solchen Aussagen wird klar, daß diese Vereine abseits jeglicher Realisierung und Seriosität operieren und allenfalls abgedroschene Propaganda in der Diktion eines Adolf Gallwitz abzusondern in der Lage sind.

Niedergang des Humanismus

Sei es aus Geldmangel und der damit einhergehenden Abhängigkeit von fremden Sponsoren oder aus Profilierungsdrang angesichts des Niedergangs des Frankfurter Instituts für Sexualwissenschaft, das lange Zeit wegweisend in Sachen humanistischer Sexualforschung war:
Die Berliner Charite sucht sich gleichzuschalten, indem sie sich der “Kinderschänder”-Hysterie anschliesst und mutwillig Falschinformationen nachplappert. Es ist ein dramatisches Zeichen des Niedergangs des Humanismus, wenn sich eine einstmals dem Humanismus verpflichtete weltberühmte Forschungseinrichtung wie die Charite von der wissenschaft ab- und dem Tradieren eines konserativen Sexualpessimismus zuwendet. Sie legt damit die schärfste Waffe des Humanismus gegen die Unvernunft nieder: die Aufklärung.

Quelle GiGi Nr. 42 ( S. 14-15)
Autor: Sebastian Anders

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