Zeig Mal!

Zeig Mal, mit Bilder fotografiert von Will McBride und Text von Helga Fleichhauer-Hardt.

Helmut Kentler KINDERSEXUALITÄT

Vorwort aus dem Aufklärungsbuch Zeig Mal! (Wuppertal 1974, nicht mehr erhältlich)
Die Vorstellung, Sexualität sei nichts weiter als ein Trieb, der die Fortpflanzung sichert, ist auch heute noch weit verbreitet, obwohl doch jeder, der sich selbst und andere unvoreingenommen beobachtet, einsehen müßte, daß Menschen jeden Lebensalters sexuell reagieren und daß nur ein verschwindend kleiner Bruchteil aller sexuellen Handlungen auf Fortpflanzung gerichtet ist.
Aber wer nur die Augen aufmacht und hinsieht, erkennt noch nicht, was wirklich ist; er bekommt seine eigenen Vorurteile bestätigt. Jeder findet nur, was er sucht, und sucht, was er schon kennt. Der Frage, was Sexualität eigentlich sei, muß die Aufklärung darüber vorausgehen, warum wir eigentlich so sehr daran interessiert sind, Sexualität mit Fortpflanzung gleichzusetzen, Kindern und alten Menschen das Bedürfnis nach sexueller Befriedigung abzusprechen.

ENTSEXUALISIERUNG – ANPASSUNG ANS KAPITALISTISCHE SYSTEM

Die wissenschaftliche Forschung hat in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Quellen wiederentdeckt und ausgewertet, aus denen hervorgeht, daß in Mitteleuropa bis zum 17. Jahrhundert eine sexualbejahende Einstellung vorherrschte, die uns heute – trotz liberalisierender Sexwelle – so fremd und gefährlich vorkommt, daß ihr Wiederaufleben mit allen Mitteln verhindert würde. J. van Ussel, einer der besten Kenner der prosexuellen Sitten und Bräuche jener Zeit, gibt folgende Skizze:

»Allgemein wurde anerkannt, daß jeder seinen Sexualtrieb äußern dürfe, damit seine Gesundheit nicht gefährdet werde. In einigen Städten wurden von der Obrigkeit Bordelle eingerichtet. Die Körperlichkeit wurde in einer Weise praktiziert, die wir heute verlernt haben. Man berührt sich, streichelt und umarmt sich, küßt sich; Ammen und Eltern masturbieren kleine Kinder, um sie ruhig zu halten. Ältere Menschen haben Kontakte zu Jugendlichen, die wir heute als sexuell bezeichnen würden. Die Selbstbefriedigung wird erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts von Medizinern und viel später von Geistlichen bekämpft. Die vorehelichen geschlechtlichen Beziehungen sind institutionalisiert, desgleichen in einigen sozialen Schichten auch der außereheliche Geschlechtsverkehr. Mangelhafte Antikonzeption [Empfängnisverhütung] wird von den Kirchen verurteilt. Die Fürsten und der Adel huldigen der Promiskuität, die kaum jemals kritisiert wird. Studenten und Soldaten tun, was ihnen gefällt. Die Geistlichkeit nimmt es nicht so genau mit dem Zölibat. Daheim schläft man nackt, die ganze Familie und die Bediensteten gemeinsam in einem Raum. Auch im Badehaus ist man nackt. Bei feierlichen Anlässen stellt man die hübschesten Mädchen der Stadt nackt zur Schau. Ein reichhaltiger Wortschatz für das Sexuelle steht zur Verfügung. Die jungen Menschen brauchen keine sexuelle Aufklärung, da sie aus der Welt der Erwachsenen sehen, fühlen und lernen können, was sie wissen müssen.« 1
Wie selbstverständlich schon kleinen Kindern sexuelle Sachverhalte waren, geht am deutlichsten aus einer Sammlung lateinisch geschriebener Dialoge hervor, die Erasmus von Rotterdam 1522 veröffentlichte und seinem damals sechsjährigen Patenkind widmete. Der Titel kennzeichnet die Absicht des Buches: »Zwiegespräche, zusammengestellt nicht nur zur Verfeinerung des Lateins der Kinder, sondern vor allem zum Zweck der Erziehung für das Leben.«

Von den 64 Dialogen behandeln 8 sexuelle Probleme, mit denen wir heute kaum Jugendliche zu konfrontieren fragen: Sinn des Koitus (er dient der Fortpflanzung, aber auch dem Genuß); Wert und Unwert der Jungfräulichkeit (ein für die Vereinigung mit dem Mann reifes Mädchen, das zu lange Jungfrau bleiben muß, wird unglücklich und bekommt die Züge einer alten Jungfer); außereheliche Sexualität und wie sich der Partner dazu verhalten soll; Diskussion der Frage, ob die Heirat zwischen einem alten syphilitischen Ritter und einer sechzehnjährigen »Blume der Jugend« gültig sei (dabei wird die Syphilis und ihre Prophylaxe bis in Einzelheiten besprochen); Folgen übertrieben häufigen Geschlechtsverkehrs; Erziehung des Säuglings (»Das Kind wird nicht nur mit Milch ernährt, sondern auch mit dem Geruch des mütterlichen Körpers«); Warnung, junge Mädchen ins Kloster zu schicken (dort ist es schwerer als in der Welt, keusch zu sein, denn was findet man? Schlemmer, Zechbrüder, sexuelle Freibeuter, lesbische Frauen); Problematik der Ehescheidung (»Ich möchte, daß Gott die Menschen bestrafe, die uns das Recht zu scheiden abgenommen haben«); Beschreibung der Bräuche in den Gasthöfen Frankreichs (Freizügigkeit der Mädchen, An- und Auskleiden, Schlafgewohnheiten, Benehmen in den Badestuben). Erasmus gebraucht keine vorsichtig umschreibende Terminologie, er nennt die Dinge beim Namen (eine Dirne begrüßt ihren jungen Freund mit den Worten »mea mentula«, meine Rute). Er braucht nicht »aufzuklären« (seine Leser, die Kinder, kennen die Sachverhalte). Es geht ihm um die richtige Einstellung, das richtige Verhalten, um die Bewertung – aber er oktroyiert keine Moralvorstellungen, sondern diskutiert Argumente. 2

1857 entrüstet sich der Pädagoge Karl Georg von Raumer in seiner »Geschichte der Pädagogik« über Erasmus und die Wahl seiner Themen: »Er malt die Wollust aufs gemeinste« – »Was sollten Knaben mit jenen Satyren? . . . Was sollen sie mit Gesprächen über so viele Gegenstände, von denen sie nichts verstehen.« 3

Daß die Kinder des 15., 16., auch noch des 17. Jahrhunderts sehr wohl verstanden, wovon die Dialoge handelten, und wie sie zu diesem Verstehen kamen, geht aus einer anderen Quelle hervor. In den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts führte der fürstliche Leibarzt Heroard ein ausführliches Tagebuch-Protokoll über die Entwicklung Ludwigs XIII; ihm ist zu entnehmen, wie unbefangen die Kinder damals sexuellen Phänomenen begegneten und wie stark die Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen sexualisiert waren.

Ludwig XIII, geboren 1601, ist noch nicht ein Jahr alt, als er schon aus voller Kehle lacht, »wenn man mit seinem Penis spielt«. Jeder spielt damit und drückt Küsse darauf. Oft liegt er beim König oder bei der Königin im Bett, und alle sind nackt. Als er ein Jahr ist, wird er der Infantin von Spanien anverlobt, und man spielt mit ihm »Wo ist der Allerliebste der Infantin?«, worauf das Kind seine Hand auf seinen Penis legt. Mit drei Jahren ruft er einer Dame zu, sein Penis mache eine »Zugbrücke«. Sagt man ihm: »Mein Herr, Sie haben keinen Penis mehr«, antwortet er: »Ha, segelt er nicht?« und hebt ihn lustig mit dem Finger. Seine Mutter legt ihm ihre Hand auf den Penis und sagt: »Mein Sohn, ich habe ihren Schnabel zu fassen.« Er kennt die Koituspositionen und spricht darüber mit seiner Kammerzofe. Zwischen seinem fünften und sechsten Jahr läßt er Mademoiselle Mercier, die in seinem Zimmer schläft, solche Stellungen einnehmen, daß er ihre Genitalien sehen kann; etwas später befühlt er sie.  4 Anmerkungen, nicht von H. K 5

1787 stellt der Pädagoge Villaume die Frage, wie man Kindern die Lust, ihre Genitalien zu berühren, nehmen könne. Ein anderer Pädagoge, K. G. Bauer, antwortet darauf: indem man bei ihnen Ekel erregt. Den Heranwachsenden werden Leichen gezeigt, angeblich, um sie aufzuklären, tatsächlich, um Abscheu zu wecken. 6

Zwischen den Erziehungsauffassungen eines Erasmus oder der Erziehungspraxis am Königshof in Frankreich und den Erziehungsgrundsätzen und -zielen, die von den Pädagogen des 18. und 19. Jahrhunderts vertreten werden, liegen Welten. In der geschichtlichen Entwicklung von vier Jahrhunderten ist aus Sexualität, die Lust bereitet und anregt zu spaßmachenden Spielen, etwas Scham- und Ekelerregendes geworden, vor dem Kinder und Jugendliche mit allen Mitteln geschützt werden müssen. Was das ausgehende Mittelalter von der Moderne trennt, ist ein Prozeß, den man als »Entsexualisierung« bezeichnen könnte: Sexualität wird auf Fortpflanzung reduziert; jedes Sexualverhalten, das nicht Fortpflanzung bezweckt, wird mißbilligt, verpönt, schließlich unterdrückt und in die Heimlichkeit verbannt; die »Reinheit« des Kindes wird entdeckt, fortan gelten Kinder als asexuelle Wesen; Jugendlichen wird die Leistung totaler Askese abverlangt, sexuelle Bedürfnisse im Jugendalter werden als Symptome sittlicher Verwahrlosung und schwerer Persönlichkeitsschäden aufgefaßt; sexuelle Gebräuche werden ausgerottet, die sexuelle Sprache verkümmert, immer mehr setzt sich eine Moral der Prüderie durch; die sexuelle Sensibilität der Körperoberfläche wird auf die Genitalien eingeschränkt, der Leib wird zum Arbeitswerkzeug. Mit dieser Entsexualisierung ist eng verknüpft die Einschränkung und Unterdrückung auch der übrigen vitalen Bedürfnisse und die Vertreibung des Todes aus den alltäglichen Lebenszusammenhängen.

Rülpsen und Furzen, für Luther noch Beweise dafür, daß das Essen geschmeckt hat, gelten als unfein, sogar als Beleidigung. Ausspucken wird verboten. Fürs Schneuzen muß man ein (sauberes) Taschentuch bei sich tragen. Gähnen muß mit der Hand verdeckt werden. Die Verrichtung der »kleinen« und »großen« Bedürfnisse wird zu einem verborgenen Akt in der Intimsphäre. Ein immer größerer hygienischer Aufwand wird gegen Schmutz und Schweiß getrieben. Auch unmittelbare körperliche Beziehungen zum Mitmenschen werden unterbunden: Tischgenossen essen nicht mehr mit den Händen aus demselben Topf, der Becher macht nicht mehr die Runde, man schläft nicht mehr zusammen auf einem Lager, schon gar nicht nackt. Affektausbrüche – Schreien, Toben, Weinen, Ausgelassenheit – dürfen gar nicht erst entstehen, Affekte, Gefühle, Stimmungen müssen durch »Höflichkeit« des Umgangs gedämpft und nivelliert werden. Denselben Verdrängungen verfallen Sterben, Tod, Totes: Kam einst auf den Eßtisch der ganze Tierkörper, den der Hausherr vor den Augen aller zerlegte, so werden jetzt Fleischschnitten serviert – nichts mehr soll daran erinnern, daß man einen Kadaver verzehrt; das Sterben der Menschen wird zum einsamen Verenden in der Abgeschiedenheit eines Krankenhauszimmers – Leichen bekommt man allenfalls noch als Unfallfolge zu sehen. 7

Wozu diese Unterdrückungen, Einschränkungen, Entsagungen? Warum werden sie noch heute in der Sozialisierung jedes einzelnen Kindes durchgesetzt?

Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen, die zwischen 1500 und 1900 vor sich gingen (Umbau der Feudalwirtschaft zu einer kapitalistischen Wirtschaft, Umstrukturierung der Ständegesellschaft in eine Klassengesellschaft), verlangten die Modellierung eines Menschentyps, der den Anforderungen der neuen Lebensbedingungen entsprach. Entsexualisierung des Lebens und des eigenen Körpers, Beherrschung der Affekte und Stimmungen durch einengende verinnerlichte Normen, Distanz zum Mitmenschen und zur eigenen Körperlichkeit waren nötig, um das Leben rational zu planen, um die Menschen so leistungsfähig und konsumenthaltsam zu machen, wie es die Aufbauphase des Kapitalismus, die Verstädterung, die Industrialisierung forderte, und um gleichzeitig gegenüber der Entfremdung vom Mitmenschen, der zunehmenden Selbstentfremdung zu desensibilisieren. 8

Man hat diese Umformung des Menschen als »Zivilisationsprozeß« (N. Elias), als »Verbürgerlichung« (van Ussel) beschrieben, je nachdem, ob mehr auf die Veränderung der Gesellschaftsverhältnisse oder mehr auf die von den Individuen zu erbringenden Anpassungsleistungen abgehoben wurde. Als Ergebnis dieser Analysen ist festzustellen, daß die Feindlichkeit gegen sexuelle Äußerungen, die nicht dem Fortpflanzungszweck unterworfen sind, daß die Verleugnung sexueller Bedürfnisse beim Kind und beim alten Menschen letztlich darauf hinauslaufen, den Menschen durch Erziehung so zu formieren, daß die bürgerliche industriell-kapitalistische Gesellschaftsordnung gleichsam durch Verankerung in ihr entsprechenden Charakteren auf Dauer gesichert bleibt. So verwunderlich ist es da nicht, wenn manche die Moral und mit ihr das Gesellschaftssystem schon wanken sehen, wenn kleine Kinder Doktor spielen und Jugendliche ohne schlechtes Gewissen onanieren.

DIE WIEDERENTDECKUNG DER KINDLICHEN SEXUALITÄT

Sigmund Freud ist die Wiederentdeckung der kindlichen Sexualität zu verdanken. In mühsamen Analysen der Lebensgeschichte seiner Patienten stellte er fest, daß zur Sexualität von Geburt an zahlreiche Erregungen und Aktivitäten gehören, die vom Funktionieren des Genitalapparates und damit von der Fortpflanzungsfähigkeit unabhängig sind. Die Sexualität ist kein Instinkt: Ihr Objekt ist biologisch nicht determiniert, ihre Befriedigungsformen und ihre Ziele sind veränderlich. Das Neugeborene ist ein »polymorph perverses Trieb- und Reflexwesen«: Sein ganzer Körper kann Quelle sexueller Reize sein. Unter dem Einfluß von Pflege und Erziehung werden dann aber im Laufe der psychosexuellen Entwicklung bestimmte »erogene Zonen« akzentuiert (z. B. in der Säuglingsphase der Mund, in der Phase der Reinlichkeitsdressur der After). Sie sind die Quellen der »Partialtriebe«, die erst in der Pubertät dem Primat der Genitalzone untergeordnet werden. Damit ist die autoerotische infantile Sexualität, die sich über die Stufen der Oralität, der Analität und der phallischen Sexualität entwickelt, endgültig überwunden. Gestaltprägend wirkt während der gesamten Entwicklung der Dauerkonflikt zwischen Triebbedürfnissen und Einschränkung der Befriedigungsmöglichkeiten durch die gesellschaftlichen Normen; die Lösungen, die jeweils gefunden werden, auch die gescheiterten Lösungsversuche, haben entscheidenden Einfluß auf die Persönlichkeitsbildung: Das Triebschicksal formt den Charakter. 9

Die Forschungsergebnisse Freuds und seiner Schule wurden in Deutschland nach der Machtergreifung des Nationalsozialismus gewaltsam unterdrückt. Auch nach 1945 drangen sie kaum über den engsten Kreis einiger Fachgelehrten hinaus. Erst die »antiautoritäre Bewegung« der Studenten und Schüler verhalfen den Erkenntnissen der Psychoanalyse zu einer größeren Verbreitung, allerdings in einer Fassung, die dem Denkansatz Freuds in entscheidenden Punkten widersprach.

Die marxistisch geschulten Antiautoritären argwöhnten, die Psychoanalyse sei lediglich eine Methode zur besseren Anpassung der Individuen an die bestehende Gesellschaft und damit ein Mittel, die Herrschaftsverhältnisse vor Veränderungen zu bewahren. Näher stand ihnen die Lehre Wilhelm Reichs, der mit Bernfeld, Fromm, Fernichel zu den Begründern der »Freudschen Linken« gehörte. Reich hatte in seinen Veröffentlichungen gezeigt, daß das kapitalistische Herrschaftssystem notwendigerweise sexuelle Triebunterdrückung verlangen muß, um ihm angepaßte autoritätsabhängige, ich-schwache Individuen zu erziehen. Während Freud die Auffassung vertrat, jede Kultur sei letztlich eine Sublimierungsleistung der Menschen und setze darum Triebunterdrückung voraus, glaubte Reich, der Widerspruch von Triebansprüchen und kulturellen Anforderungen sei dann aufhebbar, wenn durch die Revolutionierung der Gesellschaftsverhältnisse Herrschaft von Menschen über Menschen abgeschafft und durch eine Revolutionierung der Individuen, nämlich eine sexualfreundliche Erziehung, ein befriedigendes Genitalleben ermöglicht werde. 10

Die »antiautoritäre Bewegung« setzte sich mit Reich nicht nur theoretisch auseinander, sie versuchte, seine Lehre zu praktizieren. In Kommunen wurde experimentiert mit Formen einer »allgemeinen Zärtlichkeit«, die das Eingeengtsein auf Geschlechterrollen und Zweierbeziehungen aufsprengen sollten. In Kinder- und Schülerläden bemühte man sich, unautoritäre, den Bedürfnissen und Interessen der Kinder besser gerecht werdende Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern und unter den Kindern selbst herzustellen. Den ersten Erfahrungsberichten ist die Unsicherheit der Erwachsenen noch deutlich anzumerken: Die Sexualität der Kinder, die sie in ihrer Arbeit kennenlernten, war für sie eine fremde Welt – sich ihr zu nähern, hieß, den eigenen sexuellen Schwierigkeiten konfrontiert zu werden.
So berichtet der 24jährige Eberhard, Mitglied der »Kommune 2« in Berlin, über das Verhalten der 3jährigen Grischa.

Nach dem Ausziehen am Abend kommt Grische zu Eberhard und will bei ihm schlafen. Nach einigem Hin und Her legt sie sich in sein Bett und verlangt, er solle sich in Unterhose und Unterhemd zu ihr legen. Dann spielt sich die folgende Szene ab: »Grischa sagt, sie braucht keine Decke zum Einschlafen. Außerdem soll ich nicht die Augen zumachen. Dann will sie mich streicheln, Hände und Gesicht. Ich darf sie erst streicheln, wenn sie gestreichelt hat, dann auch nur kurz. Zum Bauchstreicheln muß ich mein Hemd hochziehen. Ich liege auf dem Rücken. Grischa streichelt meinen Bauch, wobei sie meine rausstehenden Rippen als Brüste versteht. Ich erkläre ihr, daß das Rippen sind, ich nur eine flache Brust und Brustwarzen habe. Sie streichelt meine und zeigt mir ihre Brustwarzen. Wir unterhalten uns über die Brust von Mädchen, wenn sie älter sind. Dann will sie meinen ?Popo? streicheln. Ich muß mich umdrehen. Sie zieht mir die Unterhose runter und streichelt meinen Popo. Als ich mich wieder umdrehe, um den ihren wie gewünscht zu streicheln, konzentriert sich ihr Interesse sofort auf ?Penis?. Sie streichelt ihn und will ihn ?zumachen? (Vorhaut über die Eichel ziehen), bis ich ganz erregt bin und mein Pimmel steif wird. Sie strahlt und streichelt ein paar Minuten lang mit Kommentaren wie ?Streicheln! Guck ma Penis! Groß! Ma ssumachen!

Mach ma klein!? Dabei kniet sie neben mir, lacht und bewegt vom ganzen Körper nur die Hände. Ich versuche ein paarmal, sie zaghaft auf ihre Vagina anzusprechen, sage, daß ich sie auch gern streicheln würde, wodurch sie sich aber nicht unterbrechen läßt. Dann kommt doch eine ?Reaktion?: Sie packt meinen Pimmel mit der ganzen linken Hand, will sich die Strumpfhose runterziehen und sagt: ?Ma reinstecken.? Ich hatte zwar sowas erwartet (Marion hatte von Badewannenspielen erzählt, wo Nasser (4jähriger Junge; H. K.) seinen Pimmel vor Grischas Bauch hielt und sie sich so zurückbeugte, daß man ?Penis in Vagina reinstecken? konnte, was aber mangels Erektion nicht gelang), war aber dann doch so gehemmt, daß ich schnell sagte, er sei wohl zu groß. Darauf gibt Grischa sofort ihre Idee auf, läßt sich aber die Vagina sehr zurückhaltend streicheln. Dann holt sie einen Spiegel, in dem sie sich meinen Pimmel und ihre Vagina immer wieder besieht. Nach erneutem Streicheln und Zumach-Versuchen kommt wieder der Wunsch ?Reinstecken?, diesmal energischer als vorher. Ich: ?Versuch’s mal!? Sie hält meinen Pimmel an ihre Vagina und stellt dann resigniert fest: ?Zu groß?.« 11

Gewiß ist für beide die Situation ungewohnt – während das kleine Mädchen aber immer sicherer und damit entdeckungsfreudiger wird, fühlt sich der junge Mann immer gehemmter, und noch in seinem Bericht versucht er, wenn er statt »Penis« »Pimmel« schreibt, die sexuelle Attacke, der er ausgesetzt war, vor sich selbst zu verharmlosen. In einigen Fällen versuchten Studenten, mit Kindern aus Arbeiterfamilien Kontakt zu bekommen. Waren die Kinder älter, begegnete ihnen eine ausgebildete sexuelle Subkultur, geprägt von der Lebenssituation dieser Kinder. So berichtet eine Mitarbeiterin aus dem Schülerladen »Rote Freiheit« in Berlin-Kreuzberg über ein Gespräch mit der 11jährigen Rita:
»In der 4. Klasse hätten einige Jungens Hefte mit nackten Frauen und Männern mitgebracht, die auch miteinander fickten . . . Nach dem Betrachten der Pornos warf ein Junge ein Papierkügelchen neben ihren Platz, auf dem stand: ?Willst du mit mir ficken??. Sie warf zurück, ?nein?. Ein erneuter Versuch der Annäherung mit Hilfe der Papierkügelchen brachte sie zu einem ?Ja?. In der Wohnung des Jungen ließ sie sich ausziehen und ?seinen Pimmel in ihr Loch hängen?. Sie hätte nicht mit ihm gefickt, weil es ihr zu weh getan hätte. Außerdem schreckte sie vor einem Kind zurück, ihre Mutter würde sie in ein Heim einliefern. Noch einmal hätten sie in einem Gebüsch gefickt, aber dort seien sie erwischt worden, so daß es der Direktor der Schule und ihre Mutter erfuhren. Sie sei nicht geschlagen worden, aber ihr wurde wieder mit dem Heim gedroht, wenn noch einmal so etwas vorkäme. Ihrem kleinen Bruder hätte sie eine heruntergehauen, als er am Oranienplatz gesehen hätte, wie welche miteinander ficken. ?So etwas sollte er noch nicht mitbekommen, weil er es noch nicht versteht.? 12

Das Heim erschiene ihr sogar besser als ihre Familie. Ihr Vater sei ständig betrunken und dann gewalttätig zu sich und anderen . . . Sie hielt das gar nicht mehr aus, weil sie vor ihm Angst hätte.« 13

Die Öffentlichkeit, immer noch orientiert am Ideal eines gehorsamen, an Ordnung und Sauberkeit gewöhnten Kindes und durch solche Berichte zum erstenmal dem Faktum der »Kindersexualität« konfrontiert, reagierte mit massiven Abwehrreaktionen: Die beschriebenen Phänomene wurden den Berichterstattern angelastet, man warf ihnen Verführung zu sexueller Libertinage, sogar KZ-ähnliche Menschenversuche vor. 14

Aber nicht so sehr wegen dieser Diffamierungen revidierten die Initiatoren der »antiautoritären Erziehung« schließlich selbst ihre Theorie und Praxis, sondern weil ihnen ihre Erfahrungen zwei nicht vorausgesehene Einsichten aufzwangen: Es zeigte sich einmal, daß Freiräume, die wie Inseln in einer sonst autoritären, kinder- und jugendfeindlichen Umwelt bestehen, zum Ausagieren der Frustrationsfolgen und aufgespeicherten Aggressionen verführen, so daß zärtlich-lustvolle Beziehungen immer wieder schon im Ansatz verdorben werden durch sadistische und masochistische Bedürfnisse; und es zeigte sich zum andern, daß eine nur sexuelle Befreiung nicht revolutionierend wirkt, sondern lediglich der Anpassung an die ohnehin fortschreitende Liberalisierung im Freizeit- und Konsumsektor dient.

Unter den Bedingungen des Spätkapitalismus mißraten Sparsamkeit und Enthaltsamkeit zu »disfunktionalen Tugenden«, denn die »Überflußwirtschaft« ist auf wachsende Konsumfreude angewiesen, und außerdem fordert der zunehmende Streß im Produktions- und Verwaltungssektor »Druckventile«, »Kompensations-« und »Rekreationsräume«, die in der gesellschaftlich belanglosen Intimsphähre am ehesten so angelegt werden können, daß sie die Gesellschaftsverhältnisse nicht tangieren. Es ist heute abzusehen, daß sexuelle Phänomene im Kindes- und Jugendalter bald niemand mehr erregen und betroffen machen, weil die Erkenntnis Reichs Allgemeingut geworden ist: Es sei nun einmal nicht einzusehen, schrieb er 1934, »warum denn die Onanie der Kleinkinder und der Geschlechtsverkehr der Puberilen die Errichtung von Tankstellen und die Erzeugung von Flugzeugen stören sollte« 15, das heißt, der etablierte Kapitalismus kann es sich leisten, die Kontrolle über das Sexualleben aufzuheben. 16

ENTWICKLUNG UND ERSCHEINUNGSFORMEN KINDLICHER SEXUALITÄT

Wie groß das Interesse an Erziehungsfragen heute ist, beweist ein Gang in jeden beliebigen Buchladen. Dieses Interesse angeregt zu haben, ist nicht das einzige Verdienst der »antiautoritären Bewegung«. Zahlreiche Dokumente aus der psychoanalytischen und marxistischen Pädagogik aus der Zeit vor 1933, fast schon vergessen und verschollen, wurden – zum Teil in Raubdrucken – neu veröffentlicht. Unser Tatsachenwissen über die Sexualität der Kinder ist heute größer denn je, zumal nun auch die Forschungsergebnisse des Auslands mit weniger Widerstand aufgenommen werden. Wer bereit ist, sich informieren zu lassen, findet genug Material. 17

Besonders aufschlußreich sind immer noch die Beobachtungsprotokolle über die sexuelle Entwicklung eines Jungen, die Wera Schmidt, Leiterin des Kinderheims beim psychoanalytischen Institut in Moskau, in den zwanziger Jahren veröffentlichte 18:

Bereits in der 3. Lebenswoche sind bei dem ausschließlich mit der Brust ernährten Jungen neben dem »Hungersaugen« Ansätze zu einem ganz anderen »lustvollen«, mit einem besonderen Grunzen begleiteten Saugen zu beobachten, so wenn er am Finger lutscht, oder wenn er bei der Stuhlentleerung hartnäckig und gierig an seiner Faust saugt. Bald ist auch beim Saugen an der Brust zwischen »Hunger-« und »Wonnesaugen« zu differenzieren. Ganz deutlich werden die Unterschiede ab der  6. Woche: Vor den Mahlzeiten werden die Finger unruhig und mit ungewöhnlicher Gier gelutscht – nach dem Essen wird zwar eifrig am Finger gesaugt, aber der Junge liegt jetzt fast unbeweglich, die Augen weit offen, und er läßt das charakteristische »Vergnügungsgrunzen« hören. Im 4. Monat wird das Fingerlutschen immer mehr nur noch als Einschlafmittel benutzt, im Wachzustand wird es durch »Muskelerotik« ersetzt: Das Kind ist ganz von lebhaften Bewegungen und Körperentdeckungen in Anspruch genommen. Als im 6. Monat Grütze zugefüttert wird, bekommt der Mund eine neue Bedeutung: Er wird zum Spielen, Greifen, zu Geschmacksproben und zum Küssen benutzt. »Plötzlich warf er sich auf mich und saugte an meiner Wange.« Im 9. Monat sind erste Spiele mit den Geschlechtsorganen zu beobachten: »Er liegt auf dem Rücken, während er mit der Hand umhertastet, bis er danach greift . . . Er lacht und spricht laut dabei.«

R. A. Spitz ist bei seinen gründlichen Untersuchungen der psychosexuellen Entwicklung in den ersten Lebensjahren zu ganz ähnlichen Ergebnissen gekommen 19. Vor allem konnte er zeigen, daß Herumspielen an den Genitalien schon im ersten Lebensjahr die Regel ist, allerdings nur dann, wenn die Mutter-Kind-Beziehung zufriedenstellend und die Allgemeinentwicklung gut fortgeschritten ist. 20 Anmerkungen, nicht von H. K.: 21

Das bestätigen auch Kinsey und seine Mitarbeiter, denen wir bisher die genauesten Angaben über sexuelle Fähigkeiten und Aktivitäten von Kleinkindern verdanken 22. Nach ihren Untersuchungen sind sowohl Jungen wie Mädchen ab einem Alter von etwa  5 Monaten fähig, einen Orgasmus zu erleben, der sich vom Orgasmus Erwachsener in keinem wesentlichen Punkt unterscheidet. Im Alter von 3 Jahren onanieren mehr Mädchen als Jungen bis zum Orgasmus, weil es ihnen leichter gelingt, die notwendigen rhythmischen Handbewegungen durchzuführen. Jungen zwischen 10 und 20 Jahren zeichnen sich dadurch aus, daß sie in begrenzten Zeitperioden wiederholten Orgasmus erreichen (sie sind in dieser Hinsicht viel fähiger als irgendein älterer Mann). »Das Nichtvorhandensein der Ejakulation bedeutet nicht, daß der Knabe keinen Orgasmus erlebt, ebenso wenig wie das Nichtzustandekommen einer Ejakulation bei der erwachsenen Frau bedeutet, daß sie keinen Orgasmus erlebte.« 23 Wie deutlich die orgastischen Reaktionen zu erkennen sind, zeigt der folgende Bericht über ein 3jähriges Mädchen:

»Sie lag bäuchlings mit hochgezogenen Knien auf dem Bett und begann, im Abstand von einer Sekunde und weniger rhythmische Beckenbewegungen zu machen. Sie bewegte hauptsächlich nur das Becken, während sie die Beine in angespannter Haltung still hielt. Es war eine weiche, vollkommen rhythmische Bewegung von hinten nach vorn, nur von kurzen Pausen unterbrochen, in welchen sie die Genitalien wieder gegen die Puppe drückte, auf der sie lag. Die Rückbewegung war stoßweise wie konvulsiv. Es erfolgten 44 Stöße in ununterbrochenem Rhythmus, eine Pause von einem Moment, dann 87 Stöße, eine Pause, 10 Stöße und Ruhe. Die Atmung war konzentriert und intensiv und ging stoßweise, als sie sich dem Orgasmus näherte. In den Endstadien war sie völlig ohne Bewußtsein ihrer Umgebung; die Augen waren glasig und starrten ins Leere. Nach dem Orgasmus zeigte sich merkliche Erleichterung und Entspannung. Zwei Minuten später setzte eine zweite Welle mit 48, 18 und 57 Stößen ein, dazwischen kurze Pausen. Mit steigender Spannung begann sie hörbar zu stöhnen; unmittelbar nach Aufhören der Beckenstöße trat völlige Entspannung ein und danach gab es nur noch kaum wahrnehmbare Bewegungen.« 24

Die sexuelle Potenz der Kinder läßt im späteren Alter nicht nach, auch in jener Zeitspanne nicht, die Freud als »Latenzperiode« bezeichnete. Beobachtungen in Kindergärten und Schulen haben gezeigt, daß in diesem Alter besonders lebhafte und tiefe Beziehungen zu Gleichaltrigen entstehen können, regelrechte »Romeo-und-Julia-Verhältnisse«, Kinderlieben, deren Intensität dem Liebesvermögen der Erwachsenen gleichkommt.

Notwendige Voraussetzung ist allerdings ein Erziehungsklima, das solche oft stark sexuell getönten Freundschaften zuläßt. In einem sexualfeindlichen Erziehungsmilieu werden die sexuellen Bedürfnisse in den Sichtschatten der Erwachsenen abgedrängt und suchen sich Befriedigung in der Tarnung von Rollenspielen (»Doktor-«, »Vater-und-Mutter-Spiele«). Beispielhaft für die Variabilität der sexuellen Erscheinungsformen sind die 1927 veröffentlichten Aufzeichnungen von Nelly Wolffheim aus ihrem psychoanalytisch orientierten Kindergarten in Berlin 25:

Erich wird von Erna (beide 6 Jahre) stark umworben und schließlich auch gewonnen. Sie sitzen von da an häufig zusammen, verabreden spätere Heirat und sprechen von der Hochzeit. – Mit 5 Jahren verliebt sich Horst in die gleichaltrige Hanni. Seine Liebesbeweise sind zart und innerlich: verstohlenes Streicheln oder ein Handkuß. Abends im Bett onaniert er und spricht dabei laut vor sich hin. Inhalt der Selbstgespräche sind der Kindergarten und Hanni. – Rolf (5 Jahre) und Gerhard (4 Jahre) haben so heftige Zärtlichkeitsbedürfnisse, daß sie einander plötzlich in die Arme fallen, sich mit aller Kraft aneinander pressen und abküssen. Neben Doktorspielen, zu denen auch andere Kinder herangezogen werden, entwickeln die beiden, allein für sich und stets heimlich geübt, das »Strawinzchenspiel«. Es besteht in Aufknöpfen der Hose und Onanieren.

Es fehlen bisher Forschungsergebnisse, die eine Aussage darüber zulassen, wie sich die unterschiedlichen Formen und Inhalte dieser Kinderlieben auf die weitere Entwicklung auswirken. Zu fragen wäre beispielsweise, ob sich in der Freundschaft von Rolf und Gerhard eine homosexuelle Entwicklung anbahnt, oder ob hier lediglich ein Beweis für die Annahme vorliegt, daß das Ziel des Sexualtriebs in diesem Alter noch nicht festliegt.

Die Folgen sexueller Beziehungen im Kindesalter lassen sich allenfalls abschätzen aus Untersuchungen, die in Holland durchgeführt wurden. So befragte F. Bernard 26 30 holländische Erwachsene, die als Kinder sexuelle Beziehungen zu Erwachsenen hatten, um zu erfahren, wie sie im Rückblick diese Beziehungen einschätzen. Eine charakterologische Untersuchung schloß sich an. Die Probanden beurteilten ihre sexuellen Beziehungen fast stets positiv. »Die Häufigkeit psycho- und funktionell-neurotischer Beschwerden und das soziale Verhalten weichen nicht vom Durchschnitt der niederländischen Bevölkerung ab. Hingegen zeigt der Test, daß die ?Opfer? sich nicht so oft bedroht fühlen und weniger verkrampft sind als der der ?durchschnittliche Niederländer?

Es scheint so, als ob sie sich besser kennen, selbstkritischer und weniger defensiv sind.« Zu ähnlichen Ergebnissen kommt E. Brongersma 27 aufgrund einer Analyse des vorliegenden Materials zum Problem der Pädophilie. Werden solche Beziehungen von der Umwelt nicht diskriminiert, dann sind um so eher positive Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung zu erwarten, je mehr sich der Ältere für den Jüngeren verantwortlich fühlt. Es gibt keine Gründe anzunehmen, daß diese Ergebnisse nicht auch für die Liebe unter gleichaltrigen Kindern zutreffen. Ihre Bedeutung müßte demnach entscheidend davon abhängen, wie sie von den erwachsenen Bezugspersonen bewertet wird.

KONSEQUENZEN – ZUM BEISPIEL »PRIMITIVE« KULTUREN

Hat man erst einmal akzeptiert, daß die Sexualität neben ihrer Fortpflanzungsfunktion eine weitaus wichtigere Bedeutung für die Individuen durch ihre Lust- und Entspannugnsfunktion hat, und berücksichtigt man weiter, daß in allen Sozialbeziehungen die sexuellen Bedürfnisse mitwirken, daß vom »Triebschicksal« nicht nur die Charakterentwicklung, sondern auch Inhalte und Gestaltungsmöglichkeiten der sozialen Beziehungen abhängen, dann kann man sich nicht mehr damit begnügen, lediglich anzuerkennen, daß Kinder Sexualwesen sind, und im übrigen zu hoffen, daß mit ihnen schon alles in Ordnung kommen wird, wenn man sie sich selbst überläßt. Die »Kindersexualität« zu bejahen heißt, ihr einen Wert zu geben und sie in die Gesamtkultur zu integrieren, denn erst dann können die Kinder ihre sexuellen Bedürfnisse und Befriedigungsformen kultivieren, und erst unter dieser Voraussetzung kann neu entstehen, was durch Prüderie und Puritanismus zerstört wurde: eine Sexualkultur. Man wird zugeben müssen, daß diese Aufgabe bisher noch kaum erkannt ist. Es fehlen uns Beispiele, wie diese Aufgabe zu lösen wäre. Lediglich jene uns fernstehenden Kulturen, die wir wegen ihres Zivilisationsniveaus abschätzig als primitiv zu bezeichnen pflegen, die aber eine hochstehende Sexualkultur entwickelt haben, könnten uns Anregungen vermitteln, wie eine sexualbejahende Kindererziehung und eine Integration der »Kindersexualität« in die Gesamtkultur zu praktizieren wäre.
Besonders interessant für unsere Fragestellung sind die Muria, eine Stammesbevölkerung in Vorderindien. Sie haben eine hochstehende Festkultur entwickelt, kennen zahlreiche Tänze und Gemeinschaftsspiele, Männer und Frauen lieben es, sich reich zu schmücken. Die Kinder und Jugendlichen treten bei den Festen geschlossen auf, übernehmen besondere Funktionen oder sogar die Veranstalterrolle. Als bestes der Muria-Spiele gilt die Sexualität.

Die größte Rolle im sozialen Leben der jungen, noch unverheirateten Leute spielt das Gemeinschaftshaus, das »Ghotul«. Dorthin ziehen die Jungen und Mädchen zum Schlafen, sobald sie sechs, sieben Jahre alt sind. Erwachsene haben im Ghotul nichts zu suchen. Die sehr verständnisvolle und freundliche Eltern-Kind-Beziehung wird nun durch eine Ghotul-Kind-Beziehung abgelöst. Die älteren Kinder sind für die jüngeren verantwortlich: Sie bringen die Sitten und Bräuche, Tänze und Lieder bei, klären über Empfängnisverhütung auf und leiten zum Geschlechtsverkehr an. Die einzige Sünde, die man kennt, besteht darin, daß ein Junge mit einem Mädchen zu schlafen versucht, ehe es dazu emotional bereit ist. Man glaubt aber, daß die Mädchen sexuell unersättlich sind und daß es die Pflicht der Jungen ist, sie zu befriedigen – als kleine Kompensation dafür, daß sie mit Menstruation und Kinderkriegen belastet sind 28.

Die von B. Malinowski untersuchten Trobriander in Nordwest-Melanesien weisen erstaunliche Parallelen auf. Zwar gibt es hier Gemeinschaftshäuser (Bukumatula genannt) nur für kleinere Gruppen und nur für die über 12jährigen Jungen (die Freundinnen werden zur Nacht in die gemütlich eingerichteten »Kosewinkel« eingeladen). Aber auch die Kinder dürfen ein freizügiges, von den Erwachsenen wohlwollend geduldetes Sexualleben führen – sie suchen oder errichten sich dazu abgeschlossene Winkel in Busch und Hain. Wie bei den Muria werden Unabhängigkeit und Selbständigkeit der Kinder geachtet: Man kennt überhaupt keine Bestrafungen, und die Kinder bilden eigene »Republiken«, gegen ihre Beschlüsse kann nicht einmal der Häuptling etwas unternehmen. Die Erwachsenen verbergen ihr Sexualleben vor den Kindern nicht. In ihren Spielen und Zeitvertreiben befriedigen die Kinder ungehemmt ihre sexuellen Bedürfnisse 29.

Die Institutionen und Verhaltensmuster dieser beiden Kulturen sind auf unsere gesellschaftlichen Verhältnisse selbstverständlich nicht zu übertragen. Gleichwohl ist aus solchen Beispielen zu lernen, welche Mindestvoraussetzungen geschaffen werden müssen, um die Problematik der »Kindersexualität« zu lösen:

1. Eine Gesellschaft, deren höchster Wert das Leistungsprinzip ist, kann Kinder immer nur als schwächliche, unterlegene Außenseiter behandeln, weil sie die verlangten Leistungen nun einmal noch nicht erbringen können. Auch eine Sexualkultur kann sich in einer solchen Gesellschaft nicht entwickeln. »Lustfreundliche« Werte und Werte, an deren Realisierung Kinder mitwirken können, sind die Vorbedingung dafür, daß eine sexualfreundliche Kultur entstehen kann, in die auch Kinder integriert sind.

2. Kinder müssen, soweit das entsprechend ihrem Alter nur immer möglich ist, von den Erwachsenen als gleichberechtigte Partner ernstgenommen werden, und sie brauchen einen Raum zunehmender Unabhängigkeit und Selbständigkeit, in dem sie in gegenseitiger Rücksicht und Achtung ihre sexuellen Bedürfnisse selbst regeln können 30.

Die auch heute noch herrschende Sexualfeindschaft und eine mit Kinderschutzforderungen sich tarnende Kinderfeindlichkeit mögen noch eine Zeitlang als Denkhemmung, erst recht als Widerstand gegen die Realisierung solcher Überlegungen wirken. Es genügt aber, die Reformen des Sexualstrafrechts bei uns und in anderen westeuropäischen Ländern zu beobachten, und man wird erkennen: Entscheidende Weichenstellungen, die zu einer sexualfreundlichen Kultur und freundlicheren Einstellungen gegenüber der »Kindersexualität« führen könnten, sind bereits vollzogen.

Fussnoten:

  1. J. van Ussel: Sexualunterdrückung – Die Geschichte der Sexualfeindschaft, rororo sexologie, Reinbek b. Hamburg 1970, S. 25.
  2. Eine ausführliche Inhaltsangabe dieser Dialoge gibt van Ussel, a. a. O., S. 25 ff.
  3. Zitiert nach N. Elias: Über den Prozeß der Zivilisation – Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, Francke Verlag, Bern u. München, 2 Bde., 1. Bd. S. 232
  4. Ausführlichere Zitate sind zu finden bei van Ussel, a. a. O., S. 1 f., und bei C. van Emde Boas: Der Beitrag der Psychoanalyse zur Entwicklung der Liebesfähigkeit des Menschen, in: A. Schelkopf (Hg.): Sexualität – Formen und Fehlentwicklungen, Verlag für Medizinische Psychologie im Verlag Vandenhoeck u. Ruprecht, Göttingen 1968, S. 86 f.
  5. Anmerkungen, nicht von H. K.: Man kann wohl davon ausgehen, daß eine solche Erziehung ein Privileg der Aristokratie war, während für die Bevölkerungsmehrheit andere moralische Maßstäbe gegolten haben dürften. Auch die Berichte über die damalige Zeit betreffen in erster Linie die Oberschicht.
  6. Daten und Zitate nach van Ussel, a. a. O., S. 67.
  7. N. Elias, a. a. O., hat diese Prozesse anhand zeitgenössischer Texte eindrücklich beschrieben. Welche Auswirkungen sie auf die Kindererziehung hatten, ist nachzulesen bei J. H. van den Berg: Metabletica, Über die Wandlungen des Menschen – Grundlagen einer historischen Psychologie, Verlag Vandenhoeck u. Ruprecht, Göttingen 1960.
  8. Zur genauen Analyse dieser Umwandlungen siehe neben N. Elias und van Ussel, a. a. O., auch E. Michel: Sozialgeschichte der industriellen Arbeitswelt, ihrer Krisenformen und Gestaltungsversuche, Verlag Josef Knecht, Frankfurt a. M. 1953, und M. Horkheimer: Autorität und Familia, in: ders.: Kritische Theorie, S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1968, Bd. 1, S. 277-360.
  9. Vgl. S. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 1905, Gesammelte Werke, Bd. 5, S. 27-145.
  10. Vgl. W. Reich: Die sexuelle Revolution – Zur charakterlichen Selbststeuerung des Menschen, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt a. M. 1966.
  11. Kommune 2: Versuch der Revolutionierung des bürgerlichen Individuums, Oberbaumverlag, Berlin 1969, S. 92.
  12. Anmerkungen, nicht von H. K.: Hier wird die unmittelbar rückgekoppelte Wirkung negativer sexueller Erziehung deutlich. Wenn Rita schon ihren Bruder so behandelt, wird sie die Moralvorstellungen ihrer Eltern und der Schule höchstwahrscheinlich auch auf ihre Kinder projizieren.
  13. Autorenkollektiv am Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin: Sozialistische Projektarbeit im Berliner Schülerladen Rote Freiheit, Fischer Bücherei, Bd. 1147, S. 183 f.
  14. Belege bringt H.-W. Saß: Links von sich selbst – Probleme der Emanzipation, in: ders. (Hg.): Antiautoritäre Erziehung oder die Erziehung der Erzieher, J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1972, S. 1 f. Ausführlich analysiert eine solche regelrechte Hetzkampagne W. F. Haug: Der sexuell-politische Skandal als Instrument antidemokratischer Kampagnen, in: Schülerladen Rote Freiheit (siehe Anm. 11), S. 389-464.
  15. W. Reich: Massenpsychologie des Faschismus – Zur Sexualökonomie der politischen Reaktion und zur proletarischen Sexualpolitik, Verlag für Sexualpolitik, Kopenhagen-Prag-Zürich 1934, S. 48.
  16. Den ausführlichen Nachweis für diese These führen D. u. Th. von Freyberg: Zur Kritik der Sexualerziehung, edition suhrkamp, Bd. 467.
  17. Eine Zusammenfassung der Forschungsergebnisse zur Kindersexualität bringt C. B. Broderick: Kinder- und Jugendsexualität – Sexuelle Sozialisierung, rororo sexologie, Reinbek b. Hamburg 1970.
  18. W. Schmidt: Die Bedeutung des Brustsaugens und Fingerlutschens für die psychologische Entwicklung des Kindes, in: Anleitung für eine revolutionäre Erziehung Nr. 1, hg. vom Zentralrat der sozialistischen Kinderläden West-Berlin.
  19. Eine Zusammenfassung bringt R. A. Spitz: Vom Säugling zum Kleinkind – Naturgeschichte der Mutter-Kind-Beziehungen im ersten Lebensjahr, Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1967.
  20. R. A. Spitz: Ein Nachtrag zum Problem des Autoerotismus – Frühe sexuelle Verhaltensweisen und ihre Bedeutung für die Persönlichkeitsbildung, in: Psyche, 16. Jg. (1964), S. 241-272.
  21. Anmerkungen, nicht von H. K.: A3: Die sexuelle Entwicklung des Kindes ist also stark mit der Entwicklung insgesamt gekoppelt, ein Kind, das an seinen Genitalien spielt, ist nicht krank, sondern kerngesund, tut es dies hingegen nicht, sollte nach Ursachen geforscht werden.
  22. A. C. Kinsey u. a.: Das sexuelle Verhalten des Mannes, S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1966. – dies.: Das sexuelle Verhalten der Frau, ebenda 1966. Siehe im Buch über den Mann das Stichwort »Kinder« (Index, S. 671), Im Buch über die Frau das Stichwort »Kindheit bis zur Pubertät« (Index, S. 703).
  23. 20 A. C. Kinsey: Das sexuelle Verhalten der Frau, S. 105.
  24. 21 ebenda, S. 106.
  25. N. Wolffheim: Psychoanalyse und Kindergarten und andere Arbeiten zur Kinderpsychologie, Ernst Reinhardt Verlag, München-Basel 1966, S. 124 ff.
  26. F. Bernard: Pädophilie – eine Krankheit? – Folgen für die Entwicklung der kindlichen Psyche, in: Sexualmedizin, Dezember 1972, Heft 9, S. 438-440.
  27. E. Brongersma: Das verfemte Geschlecht – Dokumentation über Knabenliebe (Reihe Sexualwissenschaft), Lichtenberg Verlag, München 1970.
  28. Ausführlicher habe ich die Muria-Kultur beschrieben in H. Kentler: Sexualerziehung, rororo sexologie, Reinbek b. Hamburg, 5. Aufl. 1972, S. 97 ff. Dort stehen auch Quellenangaben.
  29. B. Malinowski: Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien, Verlag Grethlein u. Co., Leipzig u. Zürich o. J., S. 36-52.
  30. Siehe hierzu ausführlich H. Kentler, a. a. O.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code

Statistik

  • 0
  • 139
  • 359
  • 285